"Appell an Jugendliche: Joint oder Führerschein?"

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Sabine
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"Appell an Jugendliche: Joint oder Führerschein?"

Beitrag von Sabine » Do 22. Dez 2016, 05:43

"...
Der Kreis Mettmann will die betroffenen Jugendlichen und jungen Erwachsenen nun gezielt aufklären. Ein neuer Flyer, der genau so aussieht wie der Führerschein im Scheckkartenformat ist nun mit der Aufschrift "Joint oder Führerschein" versehen. Darauf zu sehen ist ein Wackelbild, das zwischen der Ansicht eines Joints und eines Führerscheins wechselt. Das Format wurde bewusst so ausgewählt, um das Interesse der Jugendlichen und jungen Erwachsenen zu wecken und Denkanstöße zu geben.

Jeder Fahranfänger, der künftig in der Führerscheinstelle des Kreises Mettmann seinen Führerschein abholt, erhält ab sofort diesen Flyer. In dem Flyer erfahren die jungen Leuten, dass Cannabis bis zu drei Wochen lang im Blut, bis zu drei Monaten im Urin und in den Haaren sogar bis zu 12 Monate nachweisbar ist. Wer seinen Führerschein wieder haben möchte, muss beweisen, dass er ein halbes Jahr lang kein Cannabis konsumiert hat. Die Kosten für die MPU liegen laut Flyer bei 1200 Euro. Darin enthalten ist aber noch nicht ein Vorbereitungskurs, ohne den man die Untersuchung kaum besteht."


http://www.rp-online.de/nrw/staedte/met ... -1.6481091

Es scheint so, das nicht nur der DHV das Projekt "Cannabis und Führerschein" in Angriff nehmen will. Wobei es hier eher nur um die Erklärung der jetzigen Gesetzeslage geht und nicht um Änderungen z.B. bei den Grenzwerten.

GrüneHilfe@BW
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Re: "Appell an Jugendliche: Joint oder Führerschein?"

Beitrag von GrüneHilfe@BW » Do 29. Dez 2016, 02:46

In dem Flyer erfahren die jungen Leuten, dass Cannabis bis zu drei Wochen lang im Blut, bis zu drei Monaten im Urin
Sind die Leute dort einfach nur Dumm? Oder gibt es einen gezielten Grund sowas zu behaupten?
Cannabis ist also bis zu 3 Wochen im Blut und bis zu 3 Monaten im Urin nachweisbar. Häh?

Wie soll das überhaupt gehen? Beamt sich das "Cannabis" direkt aus dem Gehirnbreitheitskiffzentrum in den Sack und lagert dann dort 3 Monate? Oder wie? Scotty?

Ich bin weder Biologe noch Chemiker, aber mal so angedacht: Urin wird täglich abgegeben, dass sich dort etwas anlagert ist relativ unwahrscheinlich. Stoffwechselprodukte sind im Blut oder ggf. im Magen/Darm. Die werden dann nur Leber/Niere gefiltert und gelangen somit ins Urin. Ergo gelangen die Stoffe durchs Blut ins Urin.

Selbstverständlich kann THC oder dessen Abbaustoffe genauso im Blut wie im Urin nachgewiesen werden, weil die aus dem Blut ins Urin gelangen (sehr kurze Zeiträume aussen vor). Die beamen sich nicht ins Urin und umgehen das Blut. Also in Labortests (GC/MS Analyse), wo Moleküle gezählt werden. Man muss sich nicht gut auskennen um zu erkennen, dass 3 Wochen im Blut und 3 Monate im Urin komplett bekloppt ist. Kann doch gar nicht gehen.

Diese Urban Legend resultiert wohl daraus, dass hier mal wieder alles vermengt wird. Schnelltest, Labortests, aktives THC und THC-CooH.

Der Flyer erinnert an 90er Drogenpolitik. Wer einmal Rauschgift nimmt ist für immer drauf. Kann in den besten Famililen vorkommen! Diese Abschreckungswackelkarte enthält auch noch mehr Fehler, Ungenauigkeiten und Widersprüche. Warum nicht mal einfach ehrlich darlegen wie es ist anstatt FUD zu verbreiten der dann zurecht ausgelacht wird? Anstatt dieses Müll-Einschüchterungs Flyers könnte man einen Flyer drucken der die tatsächliche Sachlage schildert. Das würde vermutlich vielen helfen und wäre ne gute Sache. Aber nee - lieber mit falschen Gründen einschüchtern!

bad guy
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Re: "Appell an Jugendliche: Joint oder Führerschein?"

Beitrag von bad guy » Fr 30. Dez 2016, 10:48

Ich bin mir nicht 100% sicher aber ich glaube die Abbauprodukte sind im Blut wirklich wochenlang nachweisbar wenn man sehr viel konsumiert. Und wenn es nur ein zwei kleine Züge sind sind die Abbauprodukte nur ein Paar Tage nachweisbar im Blut. Es dauert lange bis die Abbauprodukte weg ist.

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Re: "Appell an Jugendliche: Joint oder Führerschein?"

Beitrag von bushdoctor » Mo 2. Jan 2017, 14:53

GrüneHilfe@BW hat geschrieben:
Selbstverständlich kann THC oder dessen Abbaustoffe genauso im Blut wie im Urin nachgewiesen werden, weil die aus dem Blut ins Urin gelangen (sehr kurze Zeiträume aussen vor). Die beamen sich nicht ins Urin und umgehen das Blut. Also in Labortests (GC/MS Analyse), wo Moleküle gezählt werden. Man muss sich nicht gut auskennen um zu erkennen, dass 3 Wochen im Blut und 3 Monate im Urin komplett bekloppt ist. Kann doch gar nicht gehen.
Klingt zwar bekloppt... ist aber (leider) so!
Ohne zuviel auf die Details hier einzugehen, denn die kann man im Internet recherchieren, hier eine kurzes Resumee des Metabolismus von THC:

THC wird in letzter Stufe zur wasserlöslichen THC-Carbonsäure (THC-COOH) abgebaut, die sich relativ lange im Körper bewegen kann, weil sie vom Körper nicht als "Gefahr" angesehen wird. THC-COOH ist im Gegenteil sogar pharmakologisch wirksam, weil es ähnlich wie "Aspirin" wirkt (nur ohne schädliche Nebenwirkungen).

Warum ist aber nun im Urin die Konzentration von THC-COOH generell höher als im Blut? Das machen die Nieren, die das Blut "waschen" und alle Stoffe, die den Körper verlassen können oder sollen im Urin konzentrieren.

Folge: Der cut-off bei Labortests wird im Blut früher unterschritten als im Urin! Ergo ist die Nachweisbarkeit im Urin länger gegeben, weil die Nieren es schaffen, das im Blut eben fast nicht mehr vorhandene THC-COOH weiterhin im Urin zu konzentrieren.

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Re: "Appell an Jugendliche: Joint oder Führerschein?"

Beitrag von GrüneHilfe@BW » Mo 2. Jan 2017, 23:00

Es gibt gewisse Detailunterschiede. Beim Daldrup FäG (da wird dann Blut und Urin genommen) gibt es immer Abweichungen.
Abweichungen können auch entstehen, wenn man lange vorher nicht pisst, sehr viel Wasser vorher trinkt - aber dafür gibt es "Marker". Ja ThC-Cooh kann sich im Urin konzentrieren und ist daher länger nachweisbar.

Was abslout nicht sein kann, ist dass THC-CooH im Blut nur 3 Wochen und im Urin dann 3 Monate nachgewiesen werden kann. Es gibt natürlich Unterschiede. Aber diese große Diskrepanz passt nicht. Ich kenn aus der Praxis auch genug Fälle, wo THC-Cooh nach deutlich mehr als 3 Wochen im Blut gefunden wurde.

Die eigentliche Gefahr die den Führerscheinverlust zur Folge hat ist nicht der THC-CooH Wert oder das man den 12 Monate im Haar nachweisen kann - sondern aktives THC. Das ist nur ein paar Tage im Blut. Maximal vielleicht ne Woche.
Es ist daher "Angstmacher". Hab den original Fyler gesucht, aber nicht leider gefunden.

Sobald man entdeckt, dass die Angaben nicht stimmen, wird man diesen Flyer nicht ernst nehmen. Aka 90er Drogenpolitik.

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bushdoctor
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Re: "Appell an Jugendliche: Joint oder Führerschein?"

Beitrag von bushdoctor » Di 3. Jan 2017, 10:09

GrüneHilfe@BW hat geschrieben: Was abslout nicht sein kann, ist dass THC-CooH im Blut nur 3 Wochen und im Urin dann 3 Monate nachgewiesen werden kann. Es gibt natürlich Unterschiede. Aber diese große Diskrepanz passt nicht. Ich kenn aus der Praxis auch genug Fälle, wo THC-Cooh nach deutlich mehr als 3 Wochen im Blut gefunden wurde.
Pauschalisierende Zeitangben sind generell "für den Arsch"!

Die "Journalisten", die sowas schreiben haben ja auch keine Ahnung und fassen oft was zusammen, von dem sie nur maximal die Hälfe verstehen, was es bedeutet. Es sollte wohl heißen, dass THC-COOH im Urin länger nachweisbar ist als im Blut. Die Zeitangaben kann man sich schenken... Von der Unterscheidung THC<->THC-COOH haben diese Journalistenfuzzies ja auch keine Ahnung...

Und auch noch ne Anekdote aus meinem Bekanntenkreis:
Joint geraucht, danach gleich ins Auto, Alkohol im Spiel, Unfall (!!!) Blutkonzentration von (aktivem) THC: 1,1ng
Obwohl derjenige absoluter Ketten-Joint-Raucher ist, war nur ein THC-COOH-Wert von nicht ganz 50ng festzustellen, was mich ehrlich gesagt total überrascht hat! Bei der anschließenden MPU ging ein "Plädoyer" auf "einmaliger Probierkonsum" durch... wäre da nicht der Mischkonsum mit Alkohol gewesen...

GrüneHilfe@BW
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Re: "Appell an Jugendliche: Joint oder Führerschein?"

Beitrag von GrüneHilfe@BW » Mi 4. Jan 2017, 23:11

Obwohl derjenige absoluter Ketten-Joint-Raucher ist, war nur ein THC-COOH-Wert von nicht ganz 50ng festzustellen, was mich ehrlich gesagt total überrascht hat!
Ich kann dazu nur soviel sagen, dass relativ oft regelmäßige Konsumenten unter 75ng/ml liegen. Die Diskrepanz zu Nachweisen, könnte an der Urinkonzentration liegen, die hatte ich bisher nicht so auf dem Schirm, weil ich fast immer nur die Blutwerte kriege.
Und die Leute die schon Nachweise sammeln rufen meist nicht an oder sind sowieso schon sauber.

Hab schon schon sehr viele regelmäßige Konsumenten durch einem FäG [fachärztliches Gutachten] gekriegt (wenn keine Angaben vorlagen und man beim FäG entsprechend schlau "ausgesagt" wurde).

Regelmäßiger Konsum anhand der Blutwerte der dann bei 1xx+ liegt, kommt auch sehr selten vor. In Gefühlt 95% der Fälle liegt regelmäßiger Konsum wegen einer Aussage vor. 100+ THC Cooh gibt es, ist aber selten. Kann aber auch an den Anrufern liegen, vielleicht rufen genau die mich nie an - kann ich daher nicht genau sagen. Aber ich hatte bestimmt schon 1000+ Anrufer zu dem Thema.

Meine internen Rekorde für THC-CooH liegen bei mir 300+ - da war es meist aber auch immer direkter Konsum vor der Fahrt.

Keine Garantie für gar nichts - ich kann die Angaben nicht prüfen und ich weiß auch nicht wieviel jemand in die Tüte packt und wie gut sein "Shit" ist, ist nur mein Eindruck, keine Studie. THC-Cooh scheint im Blut oft "gnädig" zu sein. Hauptproblem ist fast immer der aktive THC Wert über 1,0, der auch nach mehr als 24h vorliegt. Manchmal auch nach 3 Tagen oder mehr. Und natürlich die Aussage.

Sabine
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"Achtung, Führerschein in Gefahr!"

Beitrag von Sabine » Di 11. Apr 2017, 09:45

"Auffällige Jugendliche, mit und ohne Führerschein, werden in Baden-Württemberg vor weiterem Fehlverhalten mit der gelben Karte gewarnt. Wie erfolgreich ist die Maßnahme?

Im Ostalbkreis gibt es nicht mehr Jugendliche, die wegen Alkohol, Drogen oder Gewaltdelikten auffallen, als in anderen Regionen Baden-Württembergs. Dennoch war der Landkreis ganz im Osten des Bundeslandes einer der ersten, die an dem Pilotprojekt Gelbe Karte des Stuttgarter Innen- und des Verkehrsministeriums teilgenommen haben – "weil die gelbe Karte gut zu unserem Präventionsprojekt für Kinder und Jugendliche passt", wie Landrat Klaus Pavel sagt. Die Führerscheinstelle des Landratsamts führte gemeinsam mit der Polizei Aalen zum Jahresbeginn 2012 die gelbe Karte ein.
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Landrat Pavel wird konkreter: "Die gelbe Karte sagt: Achtung, du bist aufgefallen. Kommt das wieder vor, kann das Auswirkungen auf deinen Führerschein haben."
Es ist ein Schreiben der Zulassungsstelle an den Delinquenten "zur Vorsorge gegen Gewalt und Alkoholmissbrauch. Sie richtet sich an Personen, bei denen es Zweifel gibt, ob sie am Straßenverkehr teilnehmen sollten."
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Das Pilotprojekt lief von 2012 bis Oktober 2016, es nahmen 35 der 44 Fahrerlaubnisbehörden teil. Pro Jahr wurden etwa 1.000 gelbe Karten ausgestellt. "Insgesamt sind nur fünf Prozent noch einmal auffällig geworden", sagt Sven Schüler, Referent für Verkehr und Verkehrsprävention im baden-württembergischen Innenministerium in Stuttgart.

Aus der Zahl schlossen die beiden beteiligten Landesministerien, dass das Verfahren erfolgreich ist, und führten es mit Ablauf des Pilotprojekts flächendeckend in Baden-Württemberg ein.
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Jede Form von Prävention sei eine gute Idee, um bei Jugendlichen missbräuchlichen Umgang mit Drogen und Alkohol vorzubeugen und Randale zu verhindern, findet Häußler. "Die entscheidende Frage ist letztlich: Hat die Androhung negativer Konsequenzen einen erzieherischen Effekt?" Den macht nach Meinung der Psychologin die Mischung aus Androhung von Konsequenzen plus Information. In dem Flyer werden lediglich die Adressen von Beratungsstellen genannt. Deren Besuch ist freiwillig. "Wäre er verpflichtend, wäre der Effekt ein noch größerer", sagt Häußler.
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Wer eine gelbe Karte bekommt, das entscheidet dann allein die Zulassungsstelle.
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Das Innenministerium sieht das anders. "Die gelbe Karte dient lediglich der Prävention", sagt Referent Schüler. Da es sich nicht um einen Verwaltungsakt handele, bestünden keine rechtlichen Bedenken. "Schon immer hat die Polizei Meldungen an die Führerscheinstelle gemacht, auch in Fällen, die nichts mit dem Straßenverkehr zu tun haben, etwa bei Körperverletzung", sagt Schüler.
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Auch für die Verkehrspsychologin Häußler vom TÜV Süd ist die gelbe Karte rechtlich eine Grauzone. Und nicht nur die Karte, denn auch an anderen Stellen wird der Führerscheinentzug als mögliche Strafe für bestimmte Vergehen diskutiert. Straftäter müssen in Zukunft rechnen, den Führerschein zu verlieren – auch abseits von Verkehrsdelikten. So sieht es der Gesetzentwurf von Bundesjustizminister Heiko Maas vor, der vom Bundeskabinett bereits beschlossen wurde. "


http://www.zeit.de/mobilitaet/2017-04/v ... hrerschein

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