"DGPPN-Positionspapier zur Legalisierung von nichtmedz. Cann

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Sabine
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"DGPPN-Positionspapier zur Legalisierung von nichtmedz. Cann

Beitrag von Sabine » Mi 9. Dez 2015, 16:40

"DGPPN-Positionspapier zur Legalisierungsdebatte des nichtmedizinischen Cannabiskonsums

Zurzeit werden vermehrt Forderungen nach einer Legalisierung von Cannabis laut. Einige Juristen, verschiedene Politiker und Parteien sowie Verbände fordern ein Umdenken in der Drogenpolitik. Die Debatte um die Legalisierung wird lebhaft geführt und von den Medien breit aufgenommen. Die DGPPN nimmt aus medizinisch-wissenschaftlicher Sicht Stellung zu den wichtigsten Fragen: Kann Cannabiskonsum psychische Erkrankungen auslösen? Welche Folgen hätte eine Legalisierung für das medizinische Versorgungssystem? Wo besteht Forschungsbedarf?

Die wichtigsten Erkenntnisse, Empfehlungen und Forderungen der DGPPN:

Jeder zehnte Cannabiskonsument entwickelt eine behandlungsbedürftige Abhängigkeitserkrankung. Cannabis ist momentan der häufigste Anlass für eine erstmalige Drogentherapie.
Die Komorbidität von Cannabisabhängigkeit und weiteren psychischen Störungen ist hoch.
Das Konsumalter ist ein wichtiger Risikofaktor für die Entwicklung von psychischen Erkrankungen, wobei die größten Risiken während der Adoleszenz bestehen.
Es ist klinisch plausibel, aber nicht abschließend geklärt, ob Cannabiskonsum auch Psychosen bei Menschen auslösen kann, die ohne Cannabiskonsum nicht erkrankt wären.
Weitere Forschung zu den Risikofaktoren für die verschiedenen psychopathologischen Wirkungen von Cannabiskonsum und deren Behandlung sind notwendig.
Wissenschaftliche Analysen der Daten der krankenkassenärztlichen Versorgung bezüglich Prävalenz, Verlauf und Kosten von cannabisbezogenen Störungen sollten erfolgen.
Die strafrechtlichen Möglichkeiten zur Entkriminalisierung des Gebrauchs sollten verbessert werden. Gleichzeitig kann der Kontakt mit der Justiz auch Behandlungschancen eröffnen.
Eine Verschränkung von Maßnahmen der Angebotsreduzierung mit verhaltens- und ausstiegsorientierten Maßnahmen im Sinne des Mehrsäulenkonzepts – Angebotsreduzierung, Prävention, Hilfestellung und Schadensminimierung – ist sinnvoll.
Der Zusammenhang zwischen Liberalisierung des Zugangs zu Cannabis und der möglichen Erhöhung der Konsums- und Missbrauchsprävalenz muss weiter untersucht werden."


http://www.dgppn.de/presse/pressemittei ... ositi.html

http://www.dgppn.de/fileadmin/user_uplo ... _FINAL.pdf

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overturn
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Re: "DGPPN-Positionspapier zur Legalisierung von nichtmedz.

Beitrag von overturn » Do 10. Dez 2015, 11:46

Oh je. Wie kann man eine angemessene Einschätzung abgeben, wenn man diese ausschließlich auf mögliche negative Folgen und unvollständige Forschung stützt? Noch plumper geht es kaum.
Für die DGPPN ergibt sich aus ärztlich-psychiatrischer Sicht die dringende medizinethische Konsequenz der Reduktion von Angebot und Nachfrage von Cannabis. Es gibt keine wissenschaftlichen Daten, inwiefern dies durch eine Legalisierung von Cannabis erreicht werden könnte und gleichzeitig der Jugendschutz effektiv ist. Eine Verschränkung von Maßnahmen der Angebotsreduzierung mit verhaltens-und ausstiegsorientierten
Maßnahmen im Sinne des Mehrsäulenkonzepts – Angebotsreduzierung, Prävention, Hilfestellung, Schadensminimierung – ist sinnvoll.
Der freizeitliche Drogenkonsum wird in der Veröffentlichung ausschließlich als gesundheitsschädigende Aktivität konzeptualisiert und dargestellt. Das ist recht offensichtlich völlig absurd und lässt kein anderes, vor allem kein aufrichtigeres Urteil zu. Es ist einleuchtend, dass sich gerade um Substanzen, die illegalisiert, tabuisiert und komplett aus dem Alltag verbannt werden, nur schwerlich soziale Riten, Normen und entsprechende "Genusskulturen" formieren können, die die potentiell schädlichen Wirkungen abschwächen und einen Zugang effektiv, wenn auch nicht völlig, einschränken. Inwiefern ein Jugendschutz und eine Legalisierung funktionieren können, sehen wir jeden Tag - an legalen Genussmitteln. Sicherlich ist auch diese Form des Jugendschutzes nicht makellos, zumindest aber vorhanden. Eine Prävention und ein Verbot schließen sich im Prinzip auch schlicht und ergreifend aus. Ergänzen kann man die höchst selektiven Forderungen um den Hinweis, dass eine psychiatrische, pharmakologische und psychotherapeutische Forschung und Intervention der Komplexität des Phänomens in keinster Weise (erst recht nicht alleinig) gerecht wird, wenn auch sehr wohl teilweise berechtigt bleiben. Drogenkonsum bleibt aber in erster Linie ein soziales - kein biomedizinisches oder psychologisches Phänomen. So lässt sich zudem auch nicht bestreiten, dass gesellschaftliche Reaktionen, Vorstellungen und Bedingungen bei zahlreicher, wenn nicht sämtlicher Krankheitsbilder bezüglich Verlauf, Entstehung und Erscheinung eine nicht zu unterschätzende, bisher aber weitestgehend unbeleuchtete Rolle spielen.
Auf Basis der zusammengestellten Evidenzen fordert die DGPPN dazu auf, die beträchtlichen gesundheitlichen Risiken des Cannabiskonsums ernst zu nehmen und nicht zu bagatellisieren.
Der Bericht ist extrem einseitig (so weisen bereits die verschiedensten Formen einer Drogenabhängigkeit generell eine hohe Komorbidität auf), die zitierten Studien teilweise fehlerbehaftet und nicht repräsentativ (Stichwort: Stichprobenverzerrung). Dass der gewöhnliche "Kiffer" im Vergleich zum "Normalbürger" hinsichtlich der psychischen Gesundheit signifikant abweicht, ist bereits logisch-analytisch überaus stark zu bezweifeln und lässt sich nach gegenwärtiger Forschungslage ablehnen (vgl. van der Pol et al. 2013: Mental health differences between frequent cannabis users with and without dependence and the general population). Die Forschung bezüglich des Einflusses auf die Hirnreifung Heranwachsender ist widersprüchlich, höchst unvollständig und teils überinterpretiert. Es ist im Prinzip völlig ungeklärt, inwieweit sich mögliche pathologische neuroadaptive Veränderungen, wenn sie denn vorliegen sollten, in diesen konkreten Fällen tatsächlich in dem Verhalten oder den kognitiven Fähigkeiten ausdrücken, oder diese Einschränkungen tatsächlich durch einen bloßen und moderaten Drogenkonsum verursacht wurden. Es geht auch nicht darum, Risiken zu bagatellisieren, sondern sie ins Verhältnis zu setzen. Hierbei versagt die Stellungnahme vollkommen. Der Irrglaube ist womöglich, dass eine Regulierung den genannten Punkten und Forderungen zuwiderlaufen könnte. Das Gegenteil ist wohl eher der Fall. Es wäre auch eine geeignete Option, zutreffendere Konsumzahlen zu erheben, sowie die Behandlung und die Forschung tatsächlich zu revolutionieren.
"Never doubt that a small group of thoughtful, committed citizens can change the world. Indeed, it is the only thing that ever has."

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