Freud implizierte bei der Übertragung (also mehr oder weniger im Alltagsleben) Verliebtheit als Schlüssel zur Öffnung zum Gegenüber, und sprach dabei von "Sexualsehnsucht" (siehe "Bemerkungen zur Übertragungsliebe" 1915), grenzte das jedoch von Liebe ab, welche laut ihm immer aus dem Sexualtrieb entstünde und damit viel gewaltigere und ursprünglichere Prozesse beinhaltet. Er schrieb auch, dass die erotische Übertragung schwer zu handhaben ist (siehe Anna O.).Freno hat geschrieben: Fr 1. Mär 2024, 21:17 Zu den für mich verblüffensten Erkenntnissen meiner Psychoanalyse gehört, daß "Verliebtsein" eigentlich "Zur Psychopathologie des Alltagslebens" (so der Titel eines sehr lustigen Buches von S. Freud) zu rechnen ist. Es handelt sich um eine idR manische Projektionspsychose mit schizophrenen Elementen.
Der Verliebte projiziert - unbewußt - ein idealisiertes Erinnerungsbild aus einer früheren Beziehung auf sein Liebesobjekt, nach S. Freud, 3 Abhandlungen zur Sexualtheorie, ist es im Regelfall der gegengeschlechtliche Elter aus dem Ödipus-Komplex. Die Erinnerungen an negativ wahrgenommen Eigenschaften des Liebesobjektes werden abgespalten und ins Unbewußte verschoben - das Liebesobjekt ist für den Verliebten "all-gut" und "all-lieb", dh alle seine Verhalten gegenüber dem Verliebten werden als - möglicherweise verklausulierte - Liebesbeweise wahrgenommen - ein regelrechter "Liebeswahn" entsteht, schizophren eben. Im Normalfall wird dieser vom Verliebten rational beherrscht, assoziales Verhalten unterbleibt, aber leider nicht immer: es kommt zu sexuellen Nötigungen, Vergewaltigungen und anderen sexuell motivierten Straftaten.
Wenn man Handlungen aus "Liebe" von "liebestollen" Menschen mit Handlungen in Übertragungen vergleicht wird das offensichtlich. Die Übertragungen selbst sind immer Versuche der Neubearbeitung der projizierten Erlebnisse. Dagegen folgt Liebe dem Sexualprinzip (egal ob es um "Geschlechtsliebe" geht oder nicht) und öffnet die Möglichkeit zur Sublimierung und zum Realitätsprinzip, also zur "Erziehung" des Selbst. Damit eröffnen sich auch viel mehr Möglichkeiten als bei der einfachen Übertragung.
Man muss die Begriffe im Kontext der Zeit sehen, damals hatte man ein anderes Sprachverständnis und der Begriff "Sexualität" wurde noch nicht so ausgelagert verwendet. Wenn Freud von "Abspaltungen" in diesem Kontext spricht, dann sind Erfahrungen aus seinen Studien der Psychotherapie gemeint, also um krankhaftes/leidvolles Erleben (siehe Lust/Unlust im Sexualprinzip) - diese sind nicht direkt auf den Alltag bzw. auf Menschen ohne diesen Leidensdruck anwendbar.